Sinnbild für Zusammenhang - bunter Puzzle

Zusammenhänge verstehen und positiv in die Zukunft blicken – Consumer Trends, die 2020 prägen werden / Teil 2

Im ersten Teil dieses Artikels haben wir uns mit dem Zustand des Gesundheitswesens und dem Stellenwert unserer Privatsphäre in einer bargeldlosen Zukunft auseinandergesetzt. Nun setzen wir die Artikelreihe fort mit dem Einfluss von Technologie auf die zwischenmenschliche Interaktion.

Die Artikelreihe bezieht sich auf den GlobalWebIndex-Report über Zukunftstrends. Die Originalversion mit allen Details zu den Umfragen, wie TeilnehmerInnenzahl und genauem Zeitrahmen, findet ihr hier. Die genauen Frageformulierungen sind ab Seite 109 des Berichtes aufgelistet.

Zurück zum Ursprung, zurück zum Menschlichen

Wie weit kommen wir heute ohne Technologie? Wie sehr hängt unser Tagesablauf von ihr ab? Fragen wie diese stellen wir uns nicht jeden Tag und müssen das natürlich auch gar nicht. Denn wir und die gesamte Menschheit mussten einen langen Weg gehen, um die technologischen Entwicklungen, die heute unseren Alltag erleichtern, zu erreichen. Und darauf können wir stolz sein. Einen oder mehrere Schritte zurück zum Analogen zu gehen, um uns den Alltag absichtlich komplizierter zu machen, macht wenig Sinn und ist kontraproduktiv. Einerseits. Andererseits wächst weltweit die Sorge darüber, wie tief Technologie bereits in unserem täglichen Leben verwurzelt ist. 2013 stimmte ein Viertel der befragten InternetnutzerInnen weltweit der Aussage zu, dass „Technologie das Leben komplizierter macht“. Letztes Jahr war es bereits ein Drittel.

Die Sorge nimmt proportional mit der Ausbreitung der Technologie in nahezu allen Bereichen unseres Lebens zu. An der Stelle lohnt es sich, ein paar Sekunden den eigenen Alltag nach internet- bzw. smartphonefreien Erfahrungen zu durchleuchten. Zum Beispiel: wem schon mal das Handy auf die eine oder andere Weise abhandengekommen ist, weiß, dass sogar so etwas Elementares wie rechtzeitig aufzustehen auf einmal zu einer Herausforderung werden kann. Ob es sich lohnt, sich länger als ein paar Sekunden mit dem Thema auseinanderzusetzen oder gar etwas dagegen zu unternehmen, hängt völlig von der eigenen Perspektive ab. Zwingend notwendig ist es nicht. Allerdings – wenn es zwingend notwendig wird, ist es meistens schon zu spät.

Fast alle unsere Erfahrungen gestalten sich durch Technologie oder werden dadurch vermittelt: Kommunikation, Unterhaltung, Arbeit, Hobbys. Zunehmend schwenken auch Themen wie Bildung und Gesundheitswesen immer mehr in die digitale Richtung (zum letzteren siehe unseren ersten Artikel) – Bereiche, in denen die menschliche Aufmerksamkeit und Fürsorge normalerweise von grundlegender Bedeutung sind. Eine schwarz-weiße Trennung in gut oder böse, positiv oder negativ, förderlich oder gefährlich ist in Sachen technologischer Entwicklung weder möglich noch sinnvoll. Damit es aber, wie oben erläutert, nicht zu spät wird, ist es sehr wohl sinnvoll, sie und ihre Auswirkungen auf uns und die Gesellschaft stets im Auge zu behalten und zu hinterfragen.

Premiumisierung des Menschlichen

Können wir uns heute überhaupt noch für ein Offline-Leben entscheiden? Gibt es ein Zurück und wenn ja, wie sieht es aus? Können wir unsere Social Media Accounts oder unsere E-Mails ohne weiteres für einen längeren Zeitraum abschalten? Oder die Bildschirmzeiten unserer Kinder in der Schule und in der Freizeit begrenzen? Wenn ja, was kostet uns das und mit welchen Konsequenzen müssen wir dabei rechnen?

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem sich die Einstellungen gegenüber Technologie grundlegend ändern. Wenn Technologieskepsis nach Einkommensniveaus abgefragt wird, entsteht ein stark differenzierteres Bild: es sind die SpitzenverdienerInnen, die sich am ehesten Gedanken über die Auswirkungen von Technologie machen.

Diese Tendenz zeigt sich auch bei einem weiteren Trend – analoge, zwischenmenschliche Erfahrungen erhalten zunehmend einen Luxus-Status. Man spricht von einer Premiumisierung des Analogen, Zwischenmenschlichen im Vergleich zu Technologiebasiertem. Ein Symptom dieses Trends ist z.B. die wachsende Beliebtheit von tech-freien Back to Basics-Schulen, die in den USA ausgerechnet von Tech-ManagerInnen präferiert werden.

Offline als neues Statussymbol

Weltweit besitzen 96% der InternetnutzerInnen ein Smartphone und 70% einen Laptop oder PC. Vor nicht allzu langer Zeit waren Mobiltelefone und Laptops ein Luxus, der wohlhabenden und leistungsstarken Gruppen vorbehalten war. Dieses Gefühl der Exklusivität gehört (zum Glück!) der Vergangenheit an – selbst in den niedrigsten Einkommensgruppen in Industrieländern besitzen fast 80% einen Laptop.

Auf einem oder mehreren Geräten so gut wie durchgehend online zu sein, ist zu einem grundlegenden Teil unserer Kultur geworden. Mittlerweile gibt es daran nichts Exklusives. Langsam erkennen wir, dass diese ständige Konnektivität schlecht für unsere Gesundheit, unseren Schlaf und unsere Beziehungen ist.

Sich jedoch aus eigener Kraft dagegen zu entscheiden und eine Trennung von der ständigen Konnektivität durchzuziehen, scheint angesichts der Konsequenzen für das berufliche und private Leben für viele unmöglich. Die Freiheit, dies umzusetzen, entwickelt sich daher zu einem neuen Statussymbol in der Gesellschaft.

Offline ist das neue Online

In Industrieländern kommt das Konzept der „Premiumisierung“ des Menschlichen am ehesten zum Tragen. Laut GlobalWebIndex ist das klar anhand der am Handy verbrachten Zeit bei Menschen mit unterschiedlichem Einkommen zu erkennen. In den USA, Kanada, Europa, Australien und Japan sei ein Muster offensichtlich: höheres Einkommen sei in den meisten Fällen mit einer geringeren Zeit vor dem Bildschirm verbunden.

Diesen Trend erkennt GlobalWebIndex auch in der folgenden Umfrage. Hier sind es ebenso die Personen der höchsten Einkommensklasse, die am ehesten ihre Email- und Social Media Apps von ihren Smartphones entfernen und ihren Fernsehkonsum verringern.

Offline als Privileg der SpitzenverdienerInnen

Mensch vs. Sprachassistent

Technologie nähert sich immer mehr dem menschlichen Wesen an. Infolgedessen haben wir ja erlebt, wie sie die menschliche Arbeitskraft bei einigen Jobs und Dienstleistungen ersetzt. Man kann kaum mit Sicherheit sagen, was als nächstes kommt, aber der GlobalWebIndex Report tippt auf eine Entwicklung in Richtung sozialer Interaktion oder gar Freundschaft. Dass menschliche Interaktion zum Teil durch Technologie ersetzt werden kann, haben wir bei der explosionsartigen Entwicklung und entsprechenden Akzeptanz von Sprachassistenten gesehen. Im Jahr 2017 gaben 34% der weltweiten InternetnutzerInnen an, ein Sprachsteuerungstool verwendet zu haben – 2019 waren es bereits 43%.

Wie sich der immer häufigere Gebrauch dieser neuen Technologien auf unsere Wahrnehmung von KI auswirkt, ist bemerkenswert. Untersuchungen von Capgemini legen nahe, dass KonsumentInnen Produktempfehlungen von Sprachassistenten etwa gleich viel Vertrauen schenken wie jenen von VerkäuferInnen. Dies gilt allerdings hauptsächlich für low-involvement Käufe. Wenn es um Wichtigeres geht, haben menschliche VerkäuferInnen nach wie vor die Nase vorn. Erstaunlich ist das nicht unbedingt. Eine Erkenntnis hingegen, die uns wahrlich zum Staunen bringt: 42% der Befragten finden es angenehmer, Persönliches mit einem Sprachassistenten zu besprechen als mit einer anderen Person oder FreundIn. Wir staunen zwar, haben uns aber aktiv dagegen entschieden, daran zu glauben. Eine Zeit, in der wir auf Siri, Alexa und Co. eifersüchtig sind, wollen wir uns gar nicht vorstellen.

Eine weitere GlobalWebIndex Studie aus den USA untermauert einige dieser Ergebnisse. Fast 4 von 10 Befragten geben an, dass sie lieber automatisierte Dienste nutzen als mit MitarbeiterInnen des Kundendienstes zu sprechen. Wenn wir dies nach Einkommensgruppen betrachten, merken wir wieder Unterschiede in Bezug auf die Kommunikationspräferenzen.

52% der einkommensstarken Befragten geben an, Face-To-Face Kommunikation mit Customer Service zu präferieren. Im Vergleich dazu sind es in der mittleren und niedrigen Einkommensklasse 42%. Noch bezeichnender ist es, dass Menschen mit hohem Einkommen bei der Frage nach ihrer bevorzugten Interaktionsart fast doppelt so häufig angeben, dass sie persönliche Interaktion mit einem Menschen bevorzugen.

Kinder und Technologie

Wer weitere Beweise für die Ungleichheit in der menschlichen Beziehung zur Technologie entlang der Einkommensgrenze sucht, findet einige.

In den USA z.B. sind Smartphones in Haushalten mit hohem und niedrigem Einkommen gleich weit verbreitet. Untersuchungen von Common Sense Media ergeben jedoch, dass kleine Kinder in Haushalten mit niedrigem Einkommen fast doppelt so viel Zeit vor den Bildschirmen verbringen als ihre wohlhabenderen Zeitgenossen.

Der vorherrschende Gedanke, vor allem im Bildungsbereich, war schon immer, dass ein Mangel an technologischer Gleichheit bestimmte Gruppen ausgrenzen und entsprechend benachteiligen würde. Das ist richtig, logisch und gehört nach wie vor auf die gesellschaftliche Agenda.

Aber! Wir scheinen das allgegenwärtige „Aber“ vergessen zu haben, nämlich die negativen Folgen der technologischen bzw. digitalen Inklusion. Eine im Jahr 2016 vom Census Bureau durchgeführte Studie zur Kindergesundheit zeigt, dass lange Zeiten vorm Bildschirm, insbesondere in jungen Jahren, mit höheren Raten von Angstzuständen und Depressionen einhergehen. Dazu kommen noch erhöhter Konzentrationsmangel und Schwierigkeiten beim Knüpfen von Freundschaften.

Abschließende Gedanken

Wer regelmäßig unsere Artikel liest, weiß, dass wir gelegentlich zur Übertreibung tendieren – meistens mit dem Ziel, ein Problem hervorzuheben. Dies ist bei diesen abschließenden Gedanken ganz klar der Fall.

Haben wir in unserem Versuch, die „digitale Kluft“ zu beseitigen, eine andere geschaffen?

Eine Kluft, in der die Säulen der menschlichen Interaktion – Gespräche, Blickkontakt, Berührung – zunehmend durch Bildschirme und Sprachassistenten ersetzt werden? In der Verbundensein uns trennt? Eine Trennung, die sich nicht nur in unserem privaten Alltag vollzieht, sondern in der gesamten Gesellschaft?

Ein Artikel der New York Times, der angenehm zum Nachdenken anregt, prophezeit Folgendes: „Wie vertraut jemand mit menschlicher Interaktion ist, wird das neue Klassensystem prägen.“

Oder gleich im Original, damit nichts in der Übersetzung verloren geht: „how comfortable someone is with human engagement could become the new class marker“.

Diese Prophezeiung bezieht sich im besagten Artikel hauptsächlich auf die gesellschaftliche Entwicklung, dass „reiche“ Kinder mit weniger Zeit am Bildschirm und „arme“ mit mehr aufwachsen, sowie deren Auswirkungen. Gerade deshalb kann man diese Prophezeiung als herzzerreißend einstufen. Sich das Menschliche als „class marker“ vorzustellen, ist nun mal eine herzzerreißende Sache.

Ja, gleiche Generationen hatten schon immer einen ungleichen Zugang zu finanziellen Ressourcen.  Und ja, diese Ungleichheit führt nun mal oft zu Unterschieden in den Werten, mit denen man erzogen wird. Aber wenn die zwischenmenschliche Komponente nachweislich gefährdet ist, was dann? Wenn emotionale Intelligenz ein knappes Gut wird, was hält uns dann als Gesellschaft zusammen? Wie sieht dieses Zusammen aus? Ob sich auch dafür eine App finden wird, wollen wir uns hier nicht fragen. Denn das wäre nun wirklich übertrieben.

 

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