Sinnbild für Zusammenhang - bunter Puzzle

Zusammenhänge verstehen und positiv in die Zukunft blicken – Consumer Trends, die 2020 prägen werden / Teil 1

Die Zukunft wirkt in letzter Zeit gefährlich und gefährdet zugleich. Genauso wie die ganze Welt momentan. Brände, Zyklone, Ignoranz, Trump – es ist nicht immer leicht, Ruhe zu bewahren. Aber was bleibt uns schon übrig? In Panik geraten, alle Informationsquellen aus dem Fenster schmeißen und in den Wald flüchten? Wenn wir uns sicher sein könnten, dass er nicht auch demnächst in Flammen steht, wäre das keine so schlechte Idee. Können wir aber nicht. Können wir sonst was dagegen tun? Natürlich – wir können immer was tun. Sei es auch nur, informiert sein und wach bleiben.

Der folgende dreiteilige Artikel hat das Ziel zu informieren. Nicht über Naturkatastrophen natürlicher und menschlicher Art – aus verständlichen Gründen. Sondern über Trends, die unsere nahe Zukunft prägen werden. In ihrem Ende-einer-Dekade-Trendbericht „Connecting The Dots“ haben die großartigen Menschen vom GlobalWebIndex die Komplexität der aus ihren Forschungen gewonnenen Daten etwas vereinfacht und daraus jene Trends herausgearbeitet, die das neue Jahr prägen werden. Die 111-seitige Originalversion findet ihr hier. Unser informatives und hoffentlich unterhaltsames Resümee einiger Berichte gibts im Folgenden.

Technologie ist ein zweischneidiges Schwert

Mit diesen Worten beginnt Jason Mander, Chief Researcher Officer, den Bericht. Der Behauptung, dass unsere Welt immer komplexer wird, dass Transformation unsere privaten wie beruflichen Schicksale prägt, würden wir auch ohne Beweise Vertrauen schenken. Genauso, dass Technologie weiterhin ihren Einfluss auf jeden Teil unseres Lebens ausbreiten wird.  In einer Welt der fast ununterbrochenen Konnektivität und steten Veränderung überrascht eine wachsende, durch Technologie ausgelöste Angst nicht. Im Jahr 2013 gaben 15% der Befragten an, dass sie Computer und neue Technologien nicht verstehen. Letztes Jahr lag die Zahl bei 24%. Was wir nicht verstehen, erscheint uns fremd. Was fremd ist, macht (vielen von) uns Angst. (Alle Details zu den Umfragen, wie TeilnehmerInnenzahl und genauen Zeitrahmen, findet ihr in der Originalversion hier. Die genauen Frageformulierungen sind ab Seite 109 des Berichtes aufgelistet.)

Im Mittelpunkt des neuen Jahres wird unser Kampf zwischen Optimismus und Pessimismus stehen: überwiegt der positive Glaube in die neuen Technologien oder doch die Angst davor? Ein zweischneidiges Schwert… Der Kampf zwischen Positiv und Negativ wird aus allen Trends sichtbar – sei es im Gesundheitswesen, in der Wirtschaft, im digitalen Raum oder in der Privatsphäre. Wer diesen Kampf gewinnt, und ob es hier überhaupt GewinnerInnen und VerliererInnen gibt, kann nur die Zukunft zeigen.

 

  1. Whats up, doc?

Gesundheitlich angeschlagen die eigenen vier Wände zu verlassen, grenzt manchmal an eine HeldInnentat. Der Weg zur Arzt-Praxis, das Warten in der rotäugigen, hustenden, leidenden Menschenmenge – all das auf sich zu nehmen, kann einem/r schlimmer vorkommen als die Krankheit selbst. Es ist ein Ende in Sicht – mit dem Aufkommen neuer Technologien wie künstliche Intelligenz, Telemedizin und Robotik, sowie nicht traditioneller Anbieter für medizinische Lösungen wie Apple und Google, ändert sich das Gesundheitswesen wie wir es kennen.

Ein Online-Arzttermin wird so normal sein wie Online-Banking oder UBER bestellen.

Darauf ist Verlass, weil solch eine Entwicklung zur Lösung einer weltweiten finanziellen Herausforderung beitragen kann.  Im Jahr 2016 beliefen sich die weltweiten Gesundheitsausgaben auf 7,5 Billionen USD, was 10% des globalen BIP entspricht. Verschiedene Faktoren spielen hier eine Rolle, wie zum Beispiel das Anwachsen und Altern der Bevölkerung und die Zunahme chronischer Krankheiten, um nur zwei zu nennen. Infolgedessen sind Krankenhäuser und ÄrztInnen gleichermaßen einer enormen Belastung ausgesetzt. Qualität unter enormer Belastung zu sichern ist, wie wir wissen, nur schwer möglich. Ein qualitatives Gesundheitswesen ist, was uns gesund am Leben hält.  Es ist nicht schwer zu erkennen, dass eine Verschlechterung der Qualität im Gesundheitswesen schwerwiegende sozioökonomische Folgen haben kann.

Technologie kann eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung dieser Herausforderungen spielen.

Sie hat das Potenzial, das Gesundheitswesen neu zu definieren – durch bessere Prävention, präzisere und effizientere Versorgung und durch ein verbessertes PatientInnenerlebnis. Dass für die Branche jegliche Hilfe willkommen ist, ist nachvollziehbar. Wie sieht es aber aus  PatientInnensicht aus?

70% der Befragten aus den USA und Großbritannien sind der Ansicht, dass Technologie eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung ihrer Gesundheitsproblemen und bei der Erhöhung ihres Wohlbefindens spielen wird.

Diese Erwartung ist durchaus nachvollziehbar – wir erwarten uns zunehmend das gleiche digitale Erlebnis in allen Bereichen unseres Lebens. Wenn wir über unsere Handys  Bankgeschäfte erledigen können, warum dann nicht auch gesundheitliche Angelegenheiten?  Angesichts der steigenden Gesundheitsausgaben ist es heute wichtiger denn je, dass wir imstande sind, unsere Gesundheit selbst zu managen.

das Recherchieren nach Gesundsheitsthemen

Wir wissen, dass wir uns alle gelegentlich auf Dr. Google verlassen. Dass 37% der 25- bis 34-Jährigen „das Recherchieren nach Gesundsheitsthemen“ als wichtigen Grund für die Verwendung des Internet angeben, kommt aber doch überraschend. Die Studie zeigt außerdem, dass drei Viertel der KonsumentInnen Informationen oder Empfehlungen aus dem Internet nutzen, um sich für ein Medikament zu entscheiden. Dies wiederum ist nicht nur auf jüngere Internet-NutzerInnen beschränkt – dasselbe gilt für 66% der 55- bis 64-Jährigen. Dies unterstreicht die einerseits ausschlaggebende Rolle der Medienkompetenz, und andererseits jene des Internets in der Gesundheitserziehung aller Altersgruppen. Der Zugang zu relevanten Informationen aus verlässlichen Quellen hilft uns, informierte Entscheidungen zu treffen und die richtigen Fragen zu stellen.

 

Digitale Arzt-Termine

Sind wir soweit, diese Fragen digital zu stellen? Rund die Hälfte der VerbraucherInnen in den USA und in Großbritannien sagt: ja, sind wir. Sie geben an, dass die Möglichkeit, einen Arzt per Telefon- oder Videoanruf zu konsultieren, ihnen dabei helfen würde, ihre Gesundheitsfürsorge effektiver zu gestalten.

55% geben an, dies noch nicht versucht zu haben, erwägen jedoch, es in Zukunft zu versuchen. Weitere 13% sagen, sie hätten es bereits ausprobiert und würden es weiterempfehlen. Dies zeigt eine deutliche Bereitschaft für „digitale“ Termine. Interessanterweise ist die Möglichkeit, einen Arzt per Telefon oder Videoanruf zu konsultieren, bei 16- bis 24-Jährigen (36%) weniger gefragt als in der Altersgruppe 55 bis 64 (50%). Die Hauptvorteile, die VerbraucherInnen in digitalen Terminen sehen: sie sind bequemer (63%), zeitsparender (55%) und flexibler (52%).

Die GlobalWebIndex Studie zeigt deutlich, dass digitale Gesundheitsdienste möglichen Frust bei den VerbraucherInnen lindern können, wie z.B. das lange Warten auf einen Arzttermin. Auf digitale Arzt-Gespräche müssen PatientInnen weder wochenlang warten, noch qualvolle Stunden in einem Warteraum in Kauf nehmen. Dies hat Vorteile auch für das Gesundheitssystem. Durch die digitale Behandlung oder Beratung bei kleineren PatientInnenbeschwerden bleiben ÄrztInnen mehr Zeit und Energie, sich seriöseren Gesundheitsproblemen zu widmen.

Wie immer sind digitale Gesundheitsdienste nicht das Allheilmittel. Die persönliche Interaktion ist und bleibt gefragt und wichtig. Das geht auch aus der Studie hervor – die erste Präferenz der Befragten für die Kommunikation mit ihrem Arzt ist immer noch persönlich. Dies unterstreicht, dass die menschliche Note nicht ersetzt werden kann, obwohl digitale Dienste in Zukunft ein zentraler Bestandteil des Gesundheitswesens sein werden.

  1. Die Privatsphäre in einer bargeldlosen Zukunft

Der Begriff „Online-Datenschutz“ lässt wohl kein Herz höherschlagen. Eher kommen Gedanken an Datenschutzverletzungen oder gar an Manipulation hoch.

Mittlerweile wissen wir über unsere Online-Identitäten Bescheid. Sie setzen sich weniger aus unseren charmanten Persönlichkeitsmerkmalen zusammen als aus verschiedensten Elementen unserer Social-Media-Profile und Online-Aktivitäten: jedes „Like“, „Swipe“, mehr oder weniger jeder Klick wird analysiert. Wir erkennen langsam aber sicher, dass diese scheinbar banalen Handlungen für Unternehmen von Wert sind. Wir fangen an, soweit es uns möglich ist, auf unsere Online-Identitäten zu achten und sie zu kontrollieren. Laut GlobalWebIndex wird genau diese Wahrnehmung und Kontrolle unserer Online-Identitäten heuer immer wichtiger werden, insbesondere in Bezug auf unseren Finanzen.

Facebooks Libra

Dieser Trend basiert auf den zwei momentan wichtigsten Entwicklungen in Sachen Kryptowährungen. Die erste, Facebooks Libra, brodelt im Tech-Mekka Silicon Valley. Die zweite, die chinesische Zentralbank-Digitalwährung – aka CBDC – wird im aufstrebendsten Technologiezentrum der Welt, in Shenzhen im Südosten Chinas, getestet. Beide könnten das Leben unzähliger Menschen verbessern und einer traditionell starren Branche die nötige Flexibilität verleihen, sagen die ExpertInnen in dem GlobalWebIndex Bericht.

Zum Zeitpunkt des Schreibens des Berichts befindet sich Facebooks Libra-Projekt in stürmischen Gewässern und seine Zukunft ist ungewiss. Theoretisch könnte Facebook das erste nichtstaatliche Unternehmen in der Geschichte sein, das auf internationaler Ebene eine Währung einführt, die direkt mit den von der Regierung unterstützten Währungen konkurriert.

Die Hauptwaffe von Libra ist Bequemlichkeit. Eine solche Währung könnte die Kosten, die Geschwindigkeit und die Einfachheit von Geldtransfers und -transaktionen erheblich verbessern und dank ihrer Reichweite sogar die finanzielle Inklusion in unterversorgten Gebieten der Welt verbessern. So haben beispielsweise in Ägypten nur 52% ein Bankkonto, jedoch 93% einen Facebook Account, siehe Statistik unten.

BesitzerInnen von Bankkonten und Facebook-Konten

Libra wird per se nicht von Facebook betrieben. Facebook ist nur eines von vielen Mitgliedern der Libra Association, die für die Validierung von BenutzerInnentransaktionen verantwortlich sind. Daher besitzt oder kontrolliert Facebook diese Informationen nicht. Es wurde auch explizit darauf hingewiesen, dass keine Kontodaten zwischen Libra und Facebook ausgetauscht werden und die Daten nicht für die Ausrichtung von Anzeigen verwendet werden. Dass wir dem nicht sofort vertrauen, hat sich Zuckerberg selbst  zuzuschreiben.

Datenschutz ist eine bekannte Unbekannte

Wie wir am Anfang geschrieben haben: Menschen fürchten sich vor dem, was sie nicht verstehen. Dies scheint bei der Online-Privatsphäre auch der Fall zu sein.

Die zunehmende Komplexität der Datenerfassungsfunktionen führt dazu, dass das Verständnis für und von Datenschutz nachlässt. Die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen, scheint jedoch nicht zu wachsen.

Ein Blick auf die Reaktionen auf die Cookies-Einverständniserklärungen beim ersten Besuch einer Website gibt hier Aufschluss. Immerhin 28% der Befragten aus den USA und Großbritannien schränken ihre Datenfreigabe ein. Nicht viel weniger (25%) aber sagen, dass sie gar nicht darüber nachdenken und einfach auf “Akzeptieren” klicken, um fortzufahren. 16% tun dies, einfach aus dem Grund, weil sie es verwirrend finden.  Es handelt sich also eher um eine Minderheit von Menschen, die besorgt genug ist, um Datenschutz-Maßnahmen zu treffen.

Auf die Frage, ob sie die Kontrolle über ihre persönlichen Daten im Internet haben, gibt ein Großteil (40%) der Befragten an, dass dies wohl nicht der Fall sei. 32% haben das Gefühl die Kontrolle zu haben, 29% sind sich nicht sicher.

Beim Thema Datenschutz ist ein großer Widerspruch zu beobachten. Etwa ein Viertel der 16- bis 34-Jährigen mit starken Datenschutzbedenken gibt an, dass sie soziale Medien dennoch hauptsächlich dafür nutzen, um sich über ihr tägliches Privatleben auszutauschen (und dabei wohl auch persönliche Informationen preisgeben). Privatsphäre scheint mehrdimensional zu sein: sie ist undefiniert, widersprüchlich und mehr in den Gedanken als in den Taten der KonsumentInnen verbreitet. Dies bringt uns zu der Schlussfolgerung, dass Datenschutzbedenken eher emotionaler als rationaler Natur sind.

In financial services we trust

Vertrauen ist in jeder Branche schwer zu gewinnen. Vor allem, wenn KonsumentInnen nicht unbedingt ein ausreichendes Verständnis dafür haben, wofür und wie eine Organisation ihre Daten verwendet. Auf die Frage, welche Industrie am vertrauenswürdigsten mit persönlichen Daten umgeht, können 32% der Befragten keine einzige nennen.

Die vertrauenswürdigste Industrien

Finanzdienstleister und Digital Payment Anbieter, beide mit 28%, zählen zu den vertrauenswürdigsten Industrien. Vertrauenswürdiger sogar als das Gesundheitswesen (25%). Dass sich Social Media auf dem letzten Platz befindet, ist weniger überraschend. Uns und Facebook Libra stehen spannende Zeiten bevor. Wird sie es schaffen, unser Vertrauen zu erobern?

 

Photo by Hans-Peter Gauster on Unsplash