Sinnbild für Interview mit einem Troll - leerer Sessel

Interview mit einem Troll / Teil 2

Im ersten Teil dieses Interviews haben wir einiges rund um die Motivation und den Umgang mit Trollen aufgedeckt. Nun wollen wir tiefer in die Thematik gehen – Freiheit, Grenzen, Sicherheit, Anonymisierung – Themen, die uns brennend interessieren.

 

Thomas: Wie siehst du die Diskussion zum Thema Meinungsfreiheit im Social Web?

Troll: Na ja, da ich mir selbst keine Grenzen setze, will ich sie auch keinem anderen setzen. Freiheit soll schrankenlos sein. Sonst ist sie keine Meinungsfreiheit – dann passt der Begriff einfach nicht. Dann ist sie nur ein Rahmen dafür, was rechtlich in Ordnung ist. Ein Rahmen für irgendwelche Befindlichkeiten.

Das ist dann von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Manche finden es vollkommen in Ordnung, wenn jemand schreibt „Du Arsch****“ – andere sind total beleidigt und müssen weinen. Da ist jetzt die Frage – muss ich es rechtlich abdecken, dass jeder in seiner Blubber-Blase gefahrlos und ungetriggert leben kann? Oder sage ich, okay, Worte sind Worte – solange sie Worte bleiben, ist es einfach wurscht.

Ich finde schon, dass politisch oder religiös-motivierte Straftatbestände, wo wirklich Sach- oder Personenschäden verursacht worden sind, schulderschwerend sein sollten. Aber ich finde auch, wenn jemand sagt „Allah ist der einzige Gott“ oder meint, dass alle Großunternehmer aufgehängt gehören, weil er ein überzeugter Marxist ist – dann soll er das halt glauben. Solange er nur an solche Dinge glaubt, ist noch keine Handlung gesetzt. Insofern bin ich sehr freiheitsliebend. Ich möchte auch nicht, dass mir wer vorschreibt, was ich sagen darf und was ich nicht sagen darf.

Man kommt dann auch sehr schnell in der Situation, dass das, was man sagen darf oder nicht, von der momentanen Regierung abhängig ist. Und da befinden wir uns sehr schnell auf einem sehr gefährlichen Terrain. Ich verstehe natürlich die Einwände, vor allem wenn es um das Thema Zweiten Weltkrieg geht. Da gibt es einfach mal Meinungen, die nicht salonfähig sind. Und gerade in Österreich mit unserer Geschichte, oder Deutschland und Mitteleuropa, ist das ein bisschen spezieller zu betrachten. Im Endeffekt, wenn ich anfange Meinungen zu beschränken, ist dann eben die Frage: wo höre ich auf? Das ist einfach ein sehr gefährliches Terrain.

 

Thomas: Wie siehst du die Verantwortungen über die Inhalte auf den Plattformen? Es wird oft darüber gesprochen, dass Regierungen/Staaten die Plattformen in die Verantwortung nehmen wollen.

Troll: Wenn wir von der geltenden Rechtslage ausgehen, dann ist der Host der Plattform verantwortlich. Was aber dazu führt, dass ich quasi eine privatisierte Zensurbehörde habe. Ob man das will? Ich persönlich will das nicht. Ich bin ja grundsätzlich sowieso gegen Zensur, also bin ich auch dagegen, dass es irgendwer Privater macht. Wenn schon Zensur, dann in rechtsstaatlicher Art und Weise und nicht nach Gutdünken eines Unternehmens.

Wenn man schon jemanden zur Verantwortung ziehen möchte, dann maximal den, der den betreffenden Content selber verfasst oder upgeloaded hat. Also wenn ich jetzt auf Facebook schreibe „Alle Schwarzen sind Sch***“, dann bin ich dafür verantwortlich, weil ich das geschrieben habe. Es ist nicht Facebook verantwortlich dafür – ich kann auf Facebook alles schreiben. Obwohl über Algorithmen wird eh schon ziemlich viel zensiert auf Facebook – gewisse Wörter mit „N“ kann man gar nicht mehr schreiben. Da kriegst du automatisch einen 30-Tage-Bann oder sowas. Die Frage ist, ob das eine Entwicklung ist, die ich fördern möchte. Ich beschneide Kommunikation über Algorithmen – das finde ich persönlich nicht gut.

Ich würde einfach sagen, da muss jeder eigenverantwortlich handeln. Wie du es in deinem Privatleben auch machst – wenn du dich in dein Auto setzt und gegen einen Baum fährst, kannst du nicht sagen: der Baum war schuld, weil er dort gestanden ist. Du bist schuld, weil du reingefahren bist. Das ist ein wesentliches Thema, das man künftig in der Schulbildung oder in Seminaren viel stärker vorantreiben muss. Einfach, dass das Internet ein Raum ist, wo Verantwortung genauso wichtig ist wie in jedem anderen öffentlichen Raum auch.

Ich kann nicht erwarten, dass irgendwer anderer Dinge für mich macht. Wenn ich jetzt gerade selber irgendwas hoste, oder ein Instagram Profil habe. Oder viel hate. Oder viel trolle. Dann ist nicht die Plattform dafür verantwortlich, dass das verschwindet. Ich muss mich selber darum kümmern. Wenn es in eine strafrechtliche Richtung geht, dann muss ich die Exekutive einschalten. Aber nur, weil ich genervt bin oder sie meine Gefühle verletzen, dann muss ich mir vielleicht ein dickeres Fell zulegen. Oder die nötige Medienkompetenz, um den Blockier-Button auf der jeweiligen Plattform zu entdecken.

 

Thomas: Ja, die fehlende Medienkompetenz ist ein großes Thema. Würde man da wirklich investieren, könnte viel von dem Wahnsinn, der aktuell im Social Web passiert, vermieden werden. Das Beispiel mit dem Blockier-Button ist eh schon ein perfektes. Es gibt es so viele User und UserInnen, die nicht wissen, dass es den überhaupt gibt.

Troll: Da bin ich vollkommen bei dir. Es ist auch ein Problem, dass die Leute jeden Sch*** glauben. Ich habe mir schon Dinge aus den Fingern gesaugt, wo mir beim Erstellen fast schlecht geworden ist, weil es einfach so viel Bullshit war. Und natürlich copy-pastet es irgendjemand, postet es und verkauft es als Fakt.

Das ist auch was, dass man gerade als Troll oft hat. Man will eigentlich irgendwo einfach ein Troll-Post abliefern und die Leute ein bisschen provozieren, ärgern, stören. Dann nimmt es aber irgendwer als Faktum her und tut so, als wäre das irgendwie ernst gemeint. Das habe ich mal mit einem Mitglied einer nicht sehr beliebten Partei erlebt. Er hat ein Troll-Post von mir völlig ernst genommen und auf seine eigene Facebook-Seite gestellt. Dann hat er gemeint „Schauts euch an, das ist das Niveau der Linken“. Ich will mir jetzt kein politisches Schild umhängen, ich bin sehr ideologiefrei – er war aber der Meinung, ich bin links. Eh klar – wenn man weit genug rechts steht, ist dann halt alles andere links. Ich habe ihn dann gegoogelt und Fotos gefunden mit gewissen Symbolen, die nicht verfassungskonform sind. Dann habe ich unter seinem Gejammer den Zeitungsartikel verlinkt und geschrieben, dass – wenn man mit dem Verbotsgesetz hadert – ist man nicht unbedingt die richtige Person, um über das Niveau anderer Personen zu urteilen. Das hat dann einen wunderbaren Streisand-Effekt hervorgerufen. Er hat geglaubt, er kann sich auf meinen Kosten profilieren, hat aber im Endeffekt verloren und sich einfach zum Idioten gemacht.

 

Thomas: Wie gehst du mit dem Thema Anonymisierung um? Verwendest du Tools?

Troll: Ich bewege mich selbst nicht im strafrelevanten Rahmen, ich übertrete keine gesetzlichen Grenzen, da achte ich sehr darauf. Daher ist für mich persönlich Anonymisierung maximal, meine Identität noch einmal zu verschleiern, um das Trollen zu ermöglichen. Sicher nicht aus Angst vorm Staat. Das ist in meinem Fall nicht notwendig.

Ich finde es aber gut, dass es die Tools gibt, wenn man sie braucht. Und sie sollten auf gar keinen Fall verboten werden. Es wird momentan gern diskutiert, ob man Verschlüsselungsdienste europaweit verbieten sollte. Da bin ich klipp und klar ein Gegner. Ganz abhörsicher ist man ja nie – mit einem gewissen Aufwand kann man jede Kodierung knacken – man darf sich keiner Illusionen hingeben. Aber, dass man sich irgendwo einfach reinhängen kann in der Kommunikation, und alles mitlesen kann, finde ich nicht richtig. Da soll es Mittel und Wege geben, wie man sich als Bürger davor schützen kann.

 

Thomas: Wie siehst du die nächsten Jahre im Social Web? Wie glaubst du, geht das alles weiter?

Troll: Ja, das hängt jetzt alles davon ab, wie das Ganze mit Upload-Filtering und Content-Filtering weitergeht. Ob es da noch weiterführende Gesetze geben wird bzw. wie streng sie auch angewendet werden. Das Ausschlaggebende wird sein, wie es im Alltag gehandhabt wird. Es gibt ja zigtausende Gesetze, die gar keine Anwendung mehr finden. Da ist eben die Frage, ob daraus irgendein kurioses Gesetz wird, das eh keinen interessiert, oder ob es mit einer gewissen Schärfe durchgezogen wird. Und dann sehe ich natürlich in der Entwicklung des Social Web eher düstere Zeiten auf uns zukommen. Ich bin nicht unbedingt happy damit.

Ich denke, dass gerade das Social Web eine Möglichkeit des weltweiten Gedankenaustausches ist. Eine Möglichkeit, die uns als Gesellschaft voranbringen kann. Natürlich kann das Ganze auch umschwappen, die Gefahr ist da. Und da stellt sich die Regierung und das EU-Parlament hin und will das verhindern: „Und deswegen sind wir die Guten und die, die dagegen sind, sind die Bösen“. So simplifiziert kann man das nicht darstellen. Weil jede Beschneidung auch Möglichkeiten wegnimmt, aber unter dem Deckmantel, irgendwelche Gefahren mindern zu wollen. Das ist immer so.

Auf der einen Seite habe ich Freiheit, auf der anderen Seite habe ich Sicherheit. Da muss sich jeder die Frage stellen:  Wieviel Freiheit – und zwar reale Freiheit – bin ich gewillt aufzugeben für subjektives Sicherheitsempfinden?

Vielleicht werde ich dann irgendwann munter und bin gar nicht so sicher, wie ich geglaubt habe. Weil ich vielleicht nicht ganz im Einklang mit den Einschränkungen lebe. Wenn ich eine Seite über den privaten Marihuana-Konsum betreibe und mich dort austausche, aber es voll toll finde, dass irgendwelche rechte Seiten gesperrt werden. Und dann wird die eigene Seite gesperrt und ich werde zur Polizei eingeladen für einen Pinkeltest. Ob ich das dann immer noch so toll finde, ist die andere Frage. Da denken die meisten Leute ein bisschen zu kurz.

 

Thomas: Inwiefern können Social Media Dynamiken in die reale Welt umschwanken?

Troll: Ich habe mal eine Master- oder Bachelorarbeit zum Thema Social Media und den Arabischen Frühling gelesen – das wird teilweise ein bisschen überschätzt. Das ist relativ gut dargelegt worden, mit Zahlen und Studien, und war nachvollziehbar für mich. Ich sag mal – von 100 Leuten, die sich zum Thema äußern und sagen „Das ist Sch*** und ich will was dagegen machen“, macht einer was.

Wenn man sich zu irgendeinem Thema organisieren will, ist es irrsinnig schwer. Man findet nicht gleich 10.000 Gleichgesinnten, die mitmarschieren. Es muss ein reales Problem geben. Es muss ein gewisser Leidensdruck bei den Menschen vorhanden sein, damit sie wirklich auf die Straße gehen. Nur wegen Fake News wirst du nicht 500.000 Leute auf die Straße kriegen – das funktioniert einfach nicht.  Weil die gelebte Realität mit dem, was im Internet steht, zu sehr auseinander geht.

Daran scheitern ja, zum Beispiel, diese ganzen PEGIDA Movements. Es gibt zwar viele Sympathisanten von diesen Strömungen, aber die findest du gar nicht auf der Straße. Weil es dann doch nicht so brennend ist, um sich öffentlich dafür hinzustellen. Natürlich hat man dann auch Angst, dass man irgendwelche persönlichen Konsequenzen erleiden muss, wenn man sich so positioniert.

 

Thomas: Abschließende Frage – Wenn du den Social Media Teams zwei, drei Tipps auf den Weg geben könntest, welche wären das?

Troll: Wenn ich ein gemeiner Mensch wäre, was ich natürlich nicht bin, würde ich sagen „Schmeißts alle raus und holts euch vernünftige Leute“ – das wäre mal der radikalste Ansatz, aber wahrscheinlich auch der effektivste.

Ich muss einfach schauen, dass ich die Ressourcen, die ich intern hab, gut nutze. Zum Beispiel die IT Abteilung – da sitzen irgendwelche Nerds, die sich total gern mit Social Media beschäftigen. Geht zu den eigenen Leuten hin. Oder fragt ein bisschen herum in der Abteilung – macht selber wer was online, hat irgendwer einen eigenen Auftritt, wie gestaltet er das, wie bringt er eine User-Bindung zustande? Es gibt genügend Leute, die ohne professionell zu sein oder Geld damit zu verdienen, sich damit aus Spaß beschäftigen und bereits ein Know-How haben. Wofür sie dann Firmen, unter anderem Firmen wie dich bezahlen, um dieses Know-How zu bekommen. Da muss ich zuerst schauen, habe ich irgendwelche interne Ressourcen, die ich nutzen kann. Ansonsten kann ich nur Agenturen suchen. Wenn man Glück hat, erwischt man eine anständige. Oder wenn man Pech hat, gerät man an dich.

 

Trolls gonna troll – ganz ohne trollen kommen wir natürlich auch nicht davon. Das ist allerdings vollkommen in Ordnung.  Wer uns so einen ehrlichen Einblick in seine Weltanschauungen gewährt, darf ruhig seiner trolligen Natur treu bleiben.

An dieser Stelle – Troll, wenn du das liest – DANKE!