Sinnbild für Komfortzone

Viv’s Digital Diary #5 – Raus aus der Komfortzone… oder doch lieber nicht?

In meinem ersten Tagebucheintrag habe ich mutig angekündigt, dass wir hier in der Viv’s Digital Diary-Reihe gemeinsam meine Komfortzone verlassen werden. Aber ich muss ehrlich zugeben: in den letzten Einträgen ging dann irgendwie doch nicht um die Komfortzone. Ich musste feststellen, dass es gar nicht so einfach ist darüber zu schreiben. Jetzt ist es aber höchste Zeit… also let’s give it a try!

Die Komfortzone ist für mich jener Zustand, in dem man genau weiß was man tut, man erledigt die meisten Aufgaben quasi automatisch, hat kaum Herausforderungen. Es ist ein gemütliches, ruhiges Plätzchen an dem man sich wohl fühlt, aber nach gewisser Zeit auch langweilt. Es passiert relativ wenig in der Komfortzone – keine Adrenalin-Kicks, keine Abenteuer, kein Risiko.

An dieser Stelle muss man, finde ich, zwischen der Komfortzone im privaten Bereich und jener im beruflichen unterscheiden. Die Klassiker beim Verlassen der privaten Komfortzone sind Dinge wie z.B. alleine verreisen, allein auf ein Event gehen und neue Menschen kennenlernen – zusammengefasst: alleine Neues und Unbekanntes erleben. Interessanterweise bin ich in dem Bereich richtig gut – all das mach ich oft und gern, und kann nur von positiven Erfahrungen berichten.

Im Beruflichen hingegen sieht es etwas anders aus. Hier ein Überblick.

 

Die Begründung

Ich möchte mit folgender dringenden Empfehlung beginnen: Hört NIE auf die Anderen! Eure Komfortzone ist EURE Komfortzone und wie ihr euch dort fühlt ist einzig und allein eure Sache. Ständig wird uns gepredigt: RAUS aus deiner Komfortzone. Ich halte von solchen Aussagen nichts… denn wir sind alle viel zu unterschiedlich. Ich glaube nicht daran, dass die Komfortzone für jeden von uns so schlecht und hinderlich ist, wie es oft vermittelt wird. Es spielen viele Faktoren mit: die eigene psychische Verfassung, die eigenen Zukunftswünsche und -vorstellungen – um nur einige zu nennen. Nur weil man sich sicher in seinem Job fühlt und nicht täglich aufregende, riskante Projekte hat, heißt das nicht, dass man nicht gut darin ist und dass man unbedingt nach ständig mehr und ständig besser streben sollte. Menschen erzählen zwar gern davon, wie cool, spannend und aufregend ihr neues Projekt oder der neue Kunde ist. Aber die wenigsten erzählen von den vielen Rückschlägen, von dem Zittern, von den schlaflosen Nächten und von der Unmöglichkeit abzuschalten. Frei nach dem Motto „jede Medaille hat zwei Seiten“ – gibt es hier meiner Meinung nach kein per se richtig oder falsch. Wenn man das Gefühl hat auf der Stelle zu treten und wenn dieser Stillstand einen selbst unglücklich macht; wenn es Chancen da draußen gibt und man es später bereuen würde, diese nicht ergriffen zu haben, dann JA – dann ist es durchaus empfehlenswert, dass man den ersten Schritt zur Veränderung wagt.

 

Der erste Schritt

Mir fallen erste Schritte in der Regel leicht, weil ich ein relativ impulsiver Mensch bin. Das ist zugleich ein Segen und ein Fluch, denn dadurch beginne ich Vieles, aber nicht immer gut überlegt. Ein gut überlegter Schritt war hier das Praktikum anzufangen – die Begründung hierzu findet ihr im ersten Tagebucheintrag. Ein vielleicht nicht so gut überlegter Schritt war es, einen Masterstudiengang in Unternehmensführung als zahlenunaffiner Mensch ohne BWL-Vorkenntnisse anzufangen. Aber hey – in einem Monat ist es vorbei, ich habe sehr viel gelernt und großartige Menschen getroffen. Ja, es hat enorm viel Zeit, Mühe und ständiges Kämpfen gegen Selbstzweifel erfordert, aber ich bereue es nicht. Was ich damit sagen will ist – ins kalte Wasser zu springen ist viel leichter als eine lange Zeit im kalten Wasser zu schwimmen. Und das Wasser ist manchmal eiskalt. Impulsive Entscheidungen können eine tolle Sache sein, aber versucht dabei doch einen klaren Kopf zu bewahren.

 

Die Umsetzung

Kaum jemand warnt davor wie schwer es nach dem ersten Schritt ist. Denn es ist viel cooler zu sagen „RAUS aus der Komfortzone“ als „Tja, da musst du jetzt durch“. Na gut, die ersten Tage sind auch wirklich cool – man ist euphorisch, voller Ideen und Adrenalin, die Gefühlsspanne reicht von „jetzt mach ich alles richtig“ bis „mir gehört die ganze Welt“. Dann kommt aber irgendwann der Reality-Kick. Man merkt, man ist nicht so gut wie früher, hat kaum Kontrolle, dafür aber jede Menge Unsicherheiten. Zumindest empfinde ich das so. Es ist großartig mitzuerleben wie die Agentur funktioniert, wie Projekte umgesetzt werden. Aber nicht wirklich oder nicht effektiv bzw. NOCH nicht dazu beitragen zu können, das ist kein angenehmes Gefühl. Hier muss fairerweise dazu sagen: in meinen 10 Stunden pro Woche geht sich das alles auch nie aus und es war von Anfang an der Plan, dass ich mich dem Eigencontent widme. Was ich sehr gern und glaub ich sogar gut tue.  Zurück zu der Umsetzung – die benötigt viel innere Stärke, Überzeugung und Selbstbewusstsein. Denn am Anfang ist die Angst vorm Scheitern bzw. vor Fehlern (vor allem bei Menschen, die zu Selbstkritik und Perfektionismus tendieren) groß. Aber ja – da muss man durch. Und zwar ohne die Anfangsmotivation zu verlieren. Denn dann kommen noch mehr Zweifel oder sogar Reue und es wird richtig ungemütlich. Was an dieser Stelle hilft: sich der Herausforderung von Anfang so wirklich bewusst sein. Menschen, die Fehler extrem schwer verkraften oder aber das eigene Können nur an dem der Anderen messen, haben es in dieser Situation schwer. Ich will damit nicht sagen, dass ich so ein Mensch bin oder gar, dass ich am Verzweifeln bin. Ganz im Gegenteil – ich bin heilfroh hier zu sein und diesen Schritt getan zu haben. Ich will schlicht und einfach davor warnen, dass es viel leichter gesagt ist als getan. Und das muss einem bewusst sein, um mögliche Enttäuschungen oder schlechte Erfahrungen, die einen dann davon abhalten in Zukunft (wenn es vielleicht wirklich notwendig ist) wieder so zu handeln. Ganz nebenbei bemerkt: der ultimative Satz „Scheiß di net an“ bringt wenig bis gar nichts. Es existiert nämlich kein Knopf, der das besagte „Anscheißen“ ausschaltet. Oder zumindest habe ich ihn bis dato nicht entdeckt.

 

Die Zusammenfassung

Wenn ihr in euren Jobs an dem Punkt angelangt seid, wo ihr chronisch unterfordert seid und das Bedürfnis verspürt euch weiterzuentwickeln, dann ja – RAUS aus der Komfortzone (so, jetzt hab ich´s auch gesagt). Allerdings besser etwas weniger impulsiv, dafür bewusst und überlegt. Man kann nicht immer einen Plan haben, muss man auch nicht, aber ich kann euch hier eine nüchterne Einschätzung der Situation nur ans Herz legen. Wenn ihr aber leicht gelangweilt sein und alle anderen gerade stolz von ihren spannenden Projekten erzählen: dann packt sie lieber ein und fahrt gemeinsam zum Bungee-Jumpen.

 

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