Viv’s Digital Diary #3 – Social Media und mentale Gesundheit

Mai ist in den USA der Monat der mentalen Gesundheit. (…interessanterweise auch „national masturbation month“ – Zufall? Ich glaube nicht!) Aufgrund der politischen Ereignisse der letzten Tage kann man hierzulande diesen Monat unmöglich zum Monat der mentalen Gesundheit erklären. 

Nichtsdestotrotz nehme ich dies zum Anlass, um über ein Thema zu philosophieren, das mich schon seit langem beschäftigt: die Auswirkungen von Social Media auf unsere mentale Gesundheit und inwiefern MarketingspezialistInnen in diesem Bereich Verantwortung tragen oder tragen sollten. Im Endeffekt ist es das Wesen dieses Berufs, Menschen mithilfe von Strategien, Konzepten, Tools usw. zum Kauf oder zu irgendeiner erwünschten Handlung zu bewegen. Ich verzichte diesmal auf das persönliche und „hautnahe“ Mimimi (davon kriegen wir momentan eh genug geboten…) und versuche stattdessen möglichst neutral an das Thema heranzugehen.

Kaum eine Social Media Marketing-Lehrveranstaltung beginnt ohne einen Verweis auf die stets steigende Dauer der Social Media Nutzung. Dass dies auch Zeichen einer Abhängigkeit sein kann, ist wenig überraschend. Zwei österreichische Wissenschafter beweisen in deren Studie, dass sogar ein kurzfristiger Verzicht auf Social Media zu Entzugserscheinungen führen kann.Ein siebentägiger Verzicht auf Social Media wie Facebook und WhatsApp erzeugt Entzugserscheinungen ähnlich derer, die auch Suchtmittel verursachen können. (SIEBEN Tage gelten als „kurzfristig“?!)Neben klassischen Entzugserscheinungen, wie ein deutlich gesteigertes Verlangen, Langeweile sowie Stimmungsschwankungen, berichten die ProbandInnen (152 Personen, zw. 18 – 80 Jahre alt, 70% Frauen) von einem signifikant erhöhten sozialen Druck. Obwohl die Kommunikation per SMS und Email erlaubt war, litten die ProbandInnen unter dem Gefühl, die Erwartungen ihrer FreundInnen nicht zu erfüllen bzw. unter dem so genannten FOMO (fear of missing out).

In einer anderen Studie wird übrigens diesem ominösen FOMO die Schuld für den ständigen Drang nach dem Handy-Checken-Feed-Scrollen gegeben. Die Forschungsergebnisse dieser Studie zeigen noch düsterere Auswirkungen der Nutzung sozialer Medien: darunter Angstzustände, Depressionen, Einsamkeit und Hyperaktivitätsstörung. In einem Artikel über diese Studie in „Psychology Today“ bietet Mark Griffiths, einer der beiden ForscherInnen, folgenden Fragenkatalog um festzustellen, ob das Risiko besteht, dass man eine Social Media Sucht entwickelt. Hier die Fragen:

Denkst du viel über Social Media nach oder planst du deine Social Media Nutzung?

Hast du das Bedürfnis Social Media immer mehr zu nutzen?

Verwendest du Social Media, um persönliche Probleme zu vergessen?

Versuchst du oft ohne Erfolg deine Social Media Nutzung zu reduzieren?

Wirst du unruhig, wenn du Social Media nicht nutzen kannst?

Nutzt du Social Media so oft, dass es sich negativ auf deine Arbeit oder dein Studium auswirkt?

Mr. Griffiths empfiehlt bei Beantwortung aller Fragen mit „JA“ einen Besuch bei klinischen Psychologen oder Psychiatern, da dies möglicherweise auf eine Sucht hindeutet. Ich hingegen wäre eher überrascht, wenn die meisten von euch nicht alle Fragen mit „JA“ beantworten. (Na gut, bei Frage 3 und 6 sollte man sich vielleicht wirklich Gedanken machen…)

Zurück zum eigentlichen Thema: in diesem Bereich können Marketing bzw. Social Media Verantwortliche nun kaum etwas dafür. Auf der Suche nach Verantwortlichen stoße ich auf ein Interview mit Chamath Palihapitiya, Ex-Facebook Manager & Vice President für Nutzerwachstum, von 2017 an der Stanford Graduate School of Business. Ziemlich emotional spricht er von “tremendous guilt” – “I think we have created tools that are ripping apart the social fabric of how society works”. In Bezug auf “likes, hearts, thumbs-up“ meint er “the short-term, dopamine-driven feedback loops we’ve created are destroying how society works”. Folgende Äußerung fasst sein Interview, finde ich, gut zusammen:

No civil discourse, no cooperation – misinformation, mistruth. And it’s not an American problem — this is not about Russians ads. This is a global problem. We are in a really bad state of affairs right now. It is eroding the core foundation of how people behave between each other.” Das Interview findet ihr hier.

Sean Parker, Mitgründer von Napster und Facebook-Investor, äußert sich auch sehr (selbst)kritisch. Er gibt zu, dass Facebook als Ziel hatte, so viel Zeit und Aufmerksamkeit wie nur möglich in Anspruch zu nehmen. Social Networking nutze unsere psychischen Schwachstellen durch eine „Validierungs-Feedback-Schleife“ aus, die uns dazu bringt, ständig Posts zu veröffentlichen, um noch mehr Likes und Kommentare zu erhalten. “It’s exactly the kind of thing that a hacker like myself would come up with, because you’re exploiting a vulnerability in human psychology. The inventors, creators — it’s me, it’s Mark, it’s Kevin Systrom on Instagram, it’s all of these people — understood this consciously. And we did it anyway.” Hier zum Nachschauen.

Das fühlt sich ein bisschen wie #IbizaGate an – man weiß es eh, aber es direkt zu hören tut trotzdem weh.

Zuckerberg die ganze Verantwortung zu geben wäre aber falsch (nicht sehr falsch, aber dennoch falsch). Fakt ist, dass wir (ich erkläre mich mal solidarisch) Marketing & Social Media Verantwortliche uns einer Reihe von Regeln und Tricks bedienen, um es in die Köpfe unserer Zielgruppe zu schaffen. Die Anzahl an Büchern, Leitfäden, Handbooks, Anleitungen, Blogs und TOP 5/10/20 Listen der „Erkenntnisse aus der Psychologie“ wie wir Marketing Menschen das erreichen, ist nahezu unendlich. Unser Michi hat auch einen coolen Blogartikel zu diesem Thema geschrieben.

Zu Beginn schreibt er „Durch Forschungsergebnisse und Insights aus den letzten Jahren haben wir gelernt, wie wir diese effektiv nutzen können um menschliche Entscheidungen zu beeinflussen. Evil!“ Ist es das? Sind wir Marketing und Social Media Menschen unmoralisch oder gar bösartig?

Ich glaube nicht. An dieser Stelle eine (Selbst)-Verteidigung zu liefern wäre sinnlos. Ich nehme an, jede(r) von uns hat unterschiedliche Argumente – von „ich muss auch meine Miete zahlen“ bis hin zu den Glückspilzen, die ihre Berufung gefunden haben und die Tricks verwenden, um die Welt zu retten.

Ich bin der Meinung, dass in erster Linie jede(r) für sich und die eigene Psyche verantwortlich ist und dies sein sollte. Zu sagen, dass Menschen den Marketing-Manipulationsversuchen hilflos ausgeliefert sind, wäre heutzutage scheinheilig (mit der Ausnahme von Marketing, das auf Kinder abzielt – ihr solltet euch schämen!). Wir können und müssen auf Medienkompetenz setzen. Auf die eigene und auf jene unserer Mitmenschen.

Das ist auch ein großes Anliegen von TOMAN +MEYER. „Wir glauben an das große, gesellschaftsfördernde Potential von Social Media. Im Kampf gegen Hetze, Fakenews und manipulierende Inhalte setzen wir auf die wohl wichtigste Waffe gegen Manipulation: Bildung. Durch Wissensweitergabe an Schulen, Fachhochschulen, Universitäten aber auch bei Veranstaltungen möchten wir auf das große Potential von Facebook, Instagram & Co. hinweisen, Aufklärung betreiben und das Thema Medienkompetenz vorantreiben.“

Versuche ich euch damit zu manipulieren? Nicht im geringsten 😉

 

Photo by Siora Photography on Unsplash