Sinnbild für die Nutzung von digitalen Medien im Alter

Medienkompetenz – Eine Ode an die Hilfsbereitschaft

Mittwoch. 16:30 Uhr. Ich sitze inmitten einer Gruppe von 60-80 jährigen Frauen und Männern, trinke Café, esse Plundergebäck und schaue in teils motivierte und größtenteils verzweifelte Gesichter. Sie alle sind Mütter, Väter, Omas und Opas. Alleine oder zu zweit. Grundverschieden. Aber doch gleich. Denn eines haben sie alle gemeinsam: sie wurden alleine gelassen.

WhatsApp. Facebook. Das Internet.
Seit knapp 6 Wochen gebe ich WhatsApp-Kurse für Wiener Seniorinnen und Senioren.
Warum? Weil unsere Politik, unsere Wirtschaft aber auch unsere Gesellschaft versagt hat. Weil ich versagt habe. Jahrelang. Und das, obwohl ich es besser wusste.

2016 gab ich einen Post auf Facebook ab: “Weihnachten. Die Zeit in der Kinder in ihre Heimatdörfer zurückkehren um die IT-Probleme ihren Eltern und Großeltern zu lösen.”

Kein versoffenes Club-Foto und kein Penis-Witz waren mir je so peinlich wie dieser Post.
Denn er strotzt nur so von vermeintlich jugendlicher Arroganz – gehüllt in einen Mantel der digitalen Elite-Bildung.
Heute weiß ich es besser.

Vor knapp einem halben Jahr wurde mir aus einem familiären Gespräch heraus klar, dass sich das ändern muss. Dass ich mich ändern muss.
Generationen müssen näher zusammenrücken und die Welt des Internets muss allen zugänglich werden. Warum? Kein Warum! Es darf nicht sein, dass Teile der Gesellschaft aus dem Digitalisierungs-Prozess, der von unseren PolitikerInnen immer wieder gerne für populistische Kampagnen genutzt wird, ausgegliedert werden.
Es ist wie so oft: viel Gerede, kein Handeln.

Die Kurse per se sind ein Chaos. Und dauern auch nicht wie geplant eine Stunde. Aber sie sind ein Pool an Erkenntnissen. Für sie und für mich.

Ja, die Technik, die für uns so wunderbar einfach ist, kann für Menschen, die niemals damit in Berührung kamen eine monumentale Herausforderung sein.
Für uns ist es klar, wie man ein Foto via WhatsApp schickt oder was ein Emoji ist. Für uns ist es auch klar, dass mobile Daten dafür notwendig sind und ich im Urlaub nach WLan-Netzen Ausschau halten muss.
Wir wissen das. Sie, die Alten, nicht. Zumindest ein Großteil davon.
Woher auch? Denn nein, es ist zum Gros keine Ignoranz oder Faulheit. Es ist Angst und Scham.

“Herr Thomas, es fehlt uns nicht an Motivation. Es fehlt uns die Vorstellung was alles möglich ist. Und wir haben Angst davor es nicht zu können.”

Und da soll man nicht zu heulen beginnen?

Aber es ist genau diese Einschränkung von Möglichkeiten, die diese fehlende “Digitalisierung” so traurig machen.

Warum sollte Herman, 67 Jahre alt, Witwer, nicht auf Foodora Essen bestellen, weil er “Essen auf Rädern” satt hat.
Warum sollte Marie, 71, super sportlich, nicht auf einem E-Roller durch WIen flitzen?
Warum sollten sie nicht Uber fahren?
Warum sollten sie nicht auf Vergleichsportalen ihre Strom-, Gas- oder Handy-Tarife vergleichen?
Warum sollten sie keine Ebooks lesen?
Warum sollten sie nicht auf das unermeßliche Wissen von Wikipedia zurückgreifen?
Warum sollten sie nicht Binge-Watchen auf Netflix?
Warum sollten sie mit ihren langjährigen FreundInnen oder ihre Familie auf WhatsApp Fotos tauschen?
Warum?
Warum?
Warum?

Es ist kein allzu langer Weg. Und auch kein steiniger. Man braucht nur Geduld. Respekt. Verständnis. Und Mut. Mut, um von seinem hohen Roß hinabzusteigen und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Hinsichtlich Digitalisierung sind wir nicht gleich. Noch nicht.
Lasst uns in Zeiten der weltweiten Konnektivität Verbindungen schließen, die uns als Gesellschaft zugute kommen werden.

Debb der Lohn ist groß: leuchtende Augen der Erkenntnis und Dankbarkeit.

Nehmen wir uns Zeit. Denn das Internet gehört uns allen.