Sinnbild für Datenmüll; Besen mit Unrat

Warum das Internet nicht böse ist oder: “Der Aufstand der Zauberlehrlinge”

Ich vertrete die Auffassung, dass wir schon längst nicht mehr von einem rein eindimensionalen World Wide Web sprechen sollten, sondern von einem auf Interaktion, Austausch und Dialog beruhenden Sozialen Netzwerk.

Das Ansehen und der Ruf dieses Social Webs litt seit Anbeginn, aber besonders während der letzten Monate unter diversen Vorkommnissen, die teils berechtigt, aber auch teils unberechtigt Angst und Misstrauen schürten.

Ungeachtet meiner Meinung, dass dies nur ein Abbild gesellschaftlicher Veränderungen (primär gesellschaftspolitische, die in einer Vernachlässigung des Bildungsssystems durch unendliche Trägheit münden) , schlechter Manieren und auf privatwirtschaftlichen Gewinn ausgerichtete Geschäftsmodelle ist, möchte ich wieder einmal in Erinnerung rufen, welch Vorteile dieses Social Web für unsere Gesellschaft hat – abseits von Fake News, Hate Speech und entfesseltem Outsourcing unserer Intelligenz (ja, wir alle nutzen das Social Web meiner Meinung nach zu oft rein faktenbasiert und zu wenig, um Zusammenhänge zu verstehen – „ich google das nur schnell“…)

Ich bin der Meinung (und kämpfe hierfür auch), dass wir es sind, die die Vorteile erkennen, die Technik verstehen und das Beste für uns als Gesellschaft herausholen müssen.

Drei Beispiele möchte ich vorbringen, die in Erinnerung rufen sollen, warum das Internet eine der großartigsten und fortschrittlichsten Erfindungen der Neuzeit ist, und es nur an uns liegt, es richtig zu nutzen.

1. Ein unerschöpflicher Pool an Wissen , das uns allen als Individuum einer Gemeinschaft zur Verfügung steht. Fakten, egal ob als Einzelinformation oder im erklärenden Zusammenhang, können frei konsumiert und für die individuelle, aber auch gesellschaftliche Weiterentwicklung genutzt werden. Noch nie war es einfacher, Wissen zu konsumieren. Ein Fakt, der in Zeiten der Elitebildung und Ungleichheiten im Bildungswesen enormes Potential birgt. Doch hier ist Vorsicht geboten: die Verfügbarkeit von Information ergibt nur in Kombination mit dem reflektierten, auf Wahrheitsfindung ausgerichteten Konsum eben jenes Wissens einen wahren Mehrwert. Warum hatten Fake-News überhaupt eine Chance? Warum haben Boulevardmedien die Möglichkeit, kalkuliert Falschmeldungen zu streuen. Weil wir es sind, die hinterfragen müssen. Weil wir es sind, die Zusammenhänge erkennen und auf Wahrheit prüfen müssen. Faktencheck. Quellencheck. Aktion. Reaktion. Fakten werden erst durch Reflexion zu Wissen.

2. Noch nie dagewesene Möglichkeiten, zu kommunizieren, zu interagieren und zu teilen. Die menschliche Entwicklung basiert auf zwei essentiellen Säulen: Dem immanenten Drang nach Wahrheitsfindung und zwischenmenschlicher Kommunikation. Genau diese Kommunikation erreichte mit der Entwicklung des Social Webs eine neue Dimension. Es ist mir als NutzerIn möglich, mich mit jeder beliebigen Person auszutauschen – also Wissen und Meinungen zu teilen, aber auch anzunehmen. Diese Kommunikation findet nun auch nicht mehr nur im 1:1 Dialog statt, sondern ich habe erstmals als Individuum die realistische Chance, vor einem großen Publikum zu sprechen. Die freie Meinungsäußerung erfährt hier ihren Höhepunkt und Aufklärung setzt neue Maßstäbe.

Doch wie so oft gilt: man kann. Man muss aber nicht. Es sollte grundlegend dein Recht sein, zu schweigen, doch punktuell dein moralischer Anspruch, zu sprechen.

Birgt Kommunikation Gefahren? Ja! Ist Kommunikation nichtsdestotrotz ein Treiber unserer Gesellschaft: Ja! Auch hier gilt: kenne das Tool, sei dir über die Auswirkungen deiner Handlungen bewusst und handle kollaborativ schöpferisch und nicht trennend zerstörerisch.

3. Ein, nicht allzu oft angesprochener, Vorteil des Social Webs ist die Möglichkeit des Handels. Ich kann tauschen, kaufen, verkaufen und Geschäftsideen umsetzen. Ich kann Wissen, Talente und Fähigkeiten einer Öffentlichkeit anbieten und gegebenenfalls monetarisieren. Das Social Web gibt vielen Menschen die Chance, sich beruflich zu verwirklichen – eine Chance, die man vor einigen Jahren mangels Möglichkeiten auf Anbieter-Seite nicht hatte. Reichweite enthält das Potential, Nischen zu füllen und besonderen Begabungen eine Bühne und somit eine Zukunft zu geben. Die Gefahren sind im Diskurs offensichtlich – in der Praxis oft nicht. Dort, wo das Geld zuhause ist, ist die Amoral ein ständiger Besucher. Betrug, Blendung und Irreführung sind Begleiter dieses neuen Marktplatzes. Und wieder gilt: recherchieren, überprüfen und hinterfragen wir, bevor wir handeln. Egal, ob es um die kalkulierte Sammlung von Daten oder den blanken Betrug geht: jeder Zauber geht verloren wenn du versuchst, ihn zu verstehen.

Es gibt noch unzählige Beispiele, die uns zeigen, dass das Social Web nicht unser Feind, sondern unser größtes Potential ist. Ja, es gibt Probleme. Ja, es gibt Gefahren. Doch testen wir nicht so lange, bis es schief geht, sondern verstehen wir es doch schon im Vorfeld…

Wenn wir es verstehen, nehmen wir ihm die Magie. Verliert es diese, wird es zur größten Chance, die wir jemals hatten.

Ps.: Hat der alte Hexenmeister

sich doch einmal wegbegeben!

Und nun sollen seine Geister

auch nach meinem Willen leben.

Seine Wort und Werke

merkt ich und den Brauch,

und mit Geistesstärke

tu ich Wunder auch.

Photo by Jessica Furtney on Unsplash